Bayerischer Theaterpreis 2008

Die Jury der 26. Bayerischen Theatertage zeichnete am Sonntag, den 8. Juni, das künstlerische Leitungsteam der Hamlet-Inszenierung des Theater Erlangen aus. Regisseur Christian von Treskow, Bühnenbildner Jürgen Lier und Dramaturg Sven Kleine erhielten den mit
3.000,- Euro dotierten Preis.

Die Laudatio der fünfköpfigen Jury übernahm Jury-Mitglied Anja Witzke:

„Preis oder nicht Preis - das war hier keine Frage. Denn die „Hamlet"-Produktion des Theaters Erlangen erschien der Jury absolut preiswürdig. Vor allem die Konzeption der Inszenierung begeisterte die Jury, die darum das künstlerische Leitungsteam auszeichnen möchte: Regie, Bühne, Dramaturgie - Christian von Treskow, Jürgen Lier und Sven Kleine.
Die Jury würdigt damit vor allem, dass sich so ein kleines Haus wie das Theater Erlangen an diesen Shakespeare-Stoff wagte. Und für das Stück aller Stücke eine ganz eigene, auf dieses Ensemble zugeschnittene Lesart fand. Genauso beeindruckend war die ebenso furchtlose wie geistreiche He- rangehensweise an das Stück. Uns gefiel die mutige Strichfassung, die Konzentration auf den familiären Konflikt. Etwa die Hälfte des Textes wurde gestrichen - obwohl das bei einer Spieldauer von knapp drei Stunden nicht wirklich auffällt.
Vor allem aber wird mit dem Preis die Kühnheit ausgezeichnet, die Tragödie so auf die Bühne zu bringen, dass sie zwar irgendwie klassisch anmutet, der Zugriff aber radikal modern ist und eigentlich die Demontage der Geschichte und ihrer Figuren bewirkt. Diese sorgfältige Komposition, dieser Balance-Akt zwischen Schein und Sein ist Christian von Treskow und seinem Team hervorragend gelungen.
Sicherlich hilft dabei die hohe Ästhetik des Bühnenbilds: ein Schloss aus Eis mit einer raumgreifend geschwungenen Treppe, weiß von oben bis unten. Hier mühen sich die Figuren im Hamlet-Schwarz aneinander, an sich selbst ab. Hilflos. Und sehr komisch.
Auch sonst gab es hier viel zu entdecken: das Theater auf dem Theater etwa. Oder der Hamlet- Monolog. Denn hier wird der berühmte Monolog, auf den jedes Publikum geradezu wartet, im Chor gesprochen. Ein vielstimmiges "Sein oder Nichtsein" ertönt da. In der Erlanger Fassung haben alle ein Hamlet-Problem.
Im Interview hat sich Christian von Treskow dagegen verwehrt, dass ein Theaterabend zwingend kurz sein muss, damit er vom Publikum goutiert werden könne. Man müsse einfach mal den Gegenbeweis antreten, das waren seine Worte. Mit dieser Aufführung hat er das getan.“


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AZ-Stern für die Aufführung des Jahres 2007

Zur Begründung schrieben Steffen Radlmaier und Dieter Stoll im Januar 2008:

"So tragikomisch, mit Satire unterfüttert und dabei voller Dramatik, hat man den Shakespeare-Klassiker "Hamlet" wohl noch nicht gesehen. Unkonventionell leichtfüßig, aber dennoch werktreu. Regisseur Christian von Treskow schuf mit dem vor Talent geradezu explodierenden Titeldarsteller Gregor Henze, einem homogenen Ensemble und dem genial in die Körpersprache eingreifenden Treppenhaus-Bühnen- bild von Jürgen Lier in Erlangen die Aufführung des Jahres."

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Impulse-Preis 2004

Verliehen am 14. Februar, Studiobühne Köln

Textbeitrag von Hans-Thies Lehmann

"Die Bühne ist ein Laufsteg, sehr lang, schmal, hell erleuchtet. Eingezwängt zunächst in klassische repräsentative Roben der Macht, treten auf, treffen aufeinander Margot Honecker und Hannelore Kohl, zwei Protagonistinnen, die mit der Macht verheiratet waren, Ost und West, zwei unversöhnliche Welten. Die Damen erinnern an Königinnen, wie sie einst von Reinhild Hoffmann in die Tanzarena geschickt wurden. Auch an die unvergessene Ost-West-Konfrontation als Rededuell der Schillerschen Feindinnen Maria Stuart und Elisabeth auf der Bühne von Einar Schleefs "Wessis in Weimar" mag man denken, wenn (Margot in schwarz, Hannelore in weiß) die streng formalisierten, in einem durchgehaltenen Formenkanon choreographierten Auftritte erfolgen. (Und es spricht für die Qualität und Kohärenz der Aufführung, daß man sich kaum scheut, Assoziationen auf dieser Höhe von Theaterarbeit anzusprechen). Was trennt, was vor allem aber verbindet sie, diese heutigen Dame-Figuren in einem Spiel der Politik, das mit ihnen gespielt, in dem ihnen auch mitgespielt wird? Von Marc Becker stammt der Text, eine Doku-Fiktion, deren Reiz nicht zuletzt der ist, daß man beim Hören in den Sog der Vorstellung gerät, alles, auch manche beim Nachsinnen als erfunden identifizierte Passage, sei authentisch –so genau trifft die aus gefundenen und erfundenen Satzfezten gebastelte Montage. Mit einem klugen Schritt der Analyse hat der Text die Protagonistinnen aufgespalten. Vier Margots, vier Hannelores. Sehr unterschiedliche Stimmen kommen nun in jeder auf, die Facetten ihrer Person werden sich im Verlauf der Aufführung kreuzen, in die der Männer und in Gegenstimmen zu ihnen übergehen und die allzu rasch gebauten Schubladen aufbrechen, in die man die Gestalten vielleicht sperren wollte. Der letzte Satz, gemeinsam von beiden vor dem Epilog, lautet: "Man weiß ja letztlich nicht soviel über sich und einander." Um die naheliegende Einvernahme in das zeitgemäße "Frauen-Thema" zu vermeiden, werden die Margots und Hannelores 1 bis 4 auch von Männern dargestellt. Die Aufführung versagt sich den billigen Triumph der Entlarvung (die kaltherzige Ost-Bossin; die West-Hausfrau). Sie zeigt, wie auch die richtigsten Gedanken, die humanitärsten Programme brüchig erscheinen als öffentliche Phrase. Wunderbar spielt die Inszenierung die Verfremdung aus, die eintritt, wenn die Rhetorik der öffentlichen Auftritte, der Ideologien und der passenden angepaßten Ideen im Theater als Äußerungen von Individuen gehört werden. Plötzlich hört man anders, hört die inneren Zwänge, die Trauer und Verzweiflung unter den hysterischen Anfällen der Selbstgerechtigkeit, den hohl klingenden Menschheitssprüchen, der autoritären These und Meinung. Und erschrickt über die allzu deutsche Flucht in papierene Prinzipien, Lehren, "Wahrheiten", die das Verfehle an konkretem Leben übertünchen sollen. Die Auftritte und Reden werden mit genauem Sinn für Rhythmus und Musikalität skandiert durch Tänzchen, parodistische Gestikulationen, kindliche Spiele. Die Aufführung ist ein originaler Wurf, ein konsequent durchdachter, phantasievoller und kluger Abend."

 

     

                 
Preis des Fördervereins des theater erlangen 2004
Überreicht am Sonntag, 26. September, Markgrafentheater

Laudatio

"[...] Christian von Treskow, so befand die Jury, verleihe jedem Text, jedem Stück und jeder Inszenierung eine eigene Sprache und Spielweise, in welchen gleichwohl immer seine persönliche Stimme deutlich werde. Mit den Textfassungen und Neuübersetzungen, die er für seine Stücke wählt, trifft er einen Nerv der Zeit. Er verstehe es die Schauspieler mit präzisen Rollenporträts zu einem Ensemble aus einem Guß zu vereinen, die jeweiligen Stärken zu steigern, und die Schwächen zurückzudrängen. Bild, Sprache, Bewegung und Musik seien in seine Inszenierungen zu einer Einheit verbunden, die Mut zum Experiment ebenso wie einen ausgeprägten Stilwillen in seinem choreographischen Gestus zum Ausdruck bringe. Unterstützt wird er dabei nicht zuletzt von seinem Ausstatter Jürgen Lier, der bei vier Inszenierungen mitwirkte.
Die Beziehungsgeschichte zwischen dem heute 35-jährigen Berliner Ernst-Busch-Absolventen von Treskow und dem Theater Erlangen begann bereits 2002 mit Oskar Wildes Einakter "Salome". Das "Hohe Lied" von Macht und Begierde in der Nachdichtung des Wiener Sprachkünstlers Gerhard Rühm machte Treskow, unter anderem mit Hilfe der "Biomechanik" genannten Bewegungstechnik des russischen Theaterrevolutionärs Wsewolod Meyerhold, zu einem Gesamtkunstwerk, sehr aktuell nicht zuletzt im Zeichen von Camp, dem in Amerika definierten Fin-de-siècle-Sil des jüngst vergangenen 20. Jahrhunderts.
Die Beziehung setzte sich 2003 fort mit "Floh im Ohr" des französichen Comedy-Exzentrikers Georges Feydeau in der Neuübersetzung der Österreicherin Elfriede Jelinek. Der Engländer Wilde und der Franzose Feydeau sind beinahe Generationsgenossen. Von der Fin-de-siècle-Stimmung des 19. Jahrhunderts, welche die Zeit in einem Galopp auf den Abgrund zurasen sah, waren beide geprägt. Mit überdrehter Artistik, einem aufwendigen Bühnenapparat und genauester Kalkulation der szenischen Abläufe brachte Treskow die Komödie der Getriebenen auf die Bühne des Markgrafentheaters.
Bert Brecht, der Deutsche im Bunde der europäischen Dramatiker, die Treskow für Erlangen inszenierte, hatte seinen Lebensmittelpunkt später, doch gewählt wurde eines seiner frühesten und selten gespielten Stücke. "Im Dickicht der Städte" von 1923/24 ragt in seinem sprachlichen Manierismus aus Brechts Gesamtwerk heraus. Der Abgrund, den die "Fin-de-siècler" noch fürchteten, war nun nach dem ersten Weltkrieg und mit dem Höhepunkt der Inflation da. Die "Zuckungen des Spätkapitalismus" (B.B.), die in diesem Stück über die Unmöglichkeit menschlicher Kommunikation zur Sprache kommen, übersetzte Treskow in Kampfszenen von extremem Formalismus. Er inszenierte diesen Brecht quasi im Kontrast zur leeren Fülle der Feydeau-Komödie in der Leere der geräumten Bühne. Die Darsteller agierten in maschinen- und staubgrauen Kostümen unter knapp 400 Neonröhren. "Eine furiose Inszenierung", war in der Presse zu lesen.
Die Handschrift des Regisseurs, die in dieser dramatischen Trias zum Ausdruck kam, bestätigte sich in zwei Gastspielen beziehungsweise Koproduktionen, welche die Jury in ihre Entscheidung mit einbezog. In einer Neueinstudierung für Erlangen sah man im Frühjahr diesen Jahres "die nibelungen · melodram", das Treskow 2002 bereits für das Wiener Theater der Jugend inszeniert hatte. Zwischen Blankvers und Jargon hat der mit Erlangen vielfach verbundene Autor Marc Pommerening das altdeutsche Epos um Macht und Sex aktualisiert. Treskows Bewegungs- und Sprachchoreographik bindet sich hier eng an die dynamische live-Musik. Diese Dramen-Version vom Untergang des legendären Germanenstamms transportiert zugleich die eigene Rezeptionsgeschichte insbesondere durch die nationalen und nationalistischen Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Treskow hatte das Stück souverän zwischen Karikatur und Tragödie positioniert.
"Wir im Finale. Ein deutsches Requiem." von Marc Becker in der Produktion des Theaterhauses Jena war u.a. für die Mülheimer Theatertage nominiert. Der Erlangern wurde es zu Fußballeuropameisterschaft zur Endspielzeit im Juni diesen Jahres serviert. Wohl den Erlangern! Sie konnten sich im Markgrafentheater vergnügen, währen die Nation in den Stadien und vor den Bildschirmen verzagte. Die Fußball-Tribünen-Collage zwischen Gesellschaftssatire und Politik meisterte Treskow 140 Minuten lang "ohne Tor, ohne Ball, ohne Trikots" und machte sie mit Assoziationen zur griechischen Tragödie zu einer kleinen Sternstunde des Theaters. "Ein großer Wurf!" befand auch die Kritik. Und die Jury wurde in ihrem Votum noch nachträglich bestätigt durch die alljährlich mit Spannung erwartete Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute": Christian von Treskow wird mit "Wir im Finale" zweimal als bester Nachwuchskünstler genannt. "Ich sage nur ein Wort. herzlichen Dank!" wird der Fußballer Horst Hrubesch im Programmheft zitiert. Dem hat die Jury nichts hinzuzufügen."

 

Für die Jury: Lisa Puyplat