Die Biomechanik (eigentlich: Biomechanik des Schauspielers) ist ein Ausbildungs- und Spielsystem für Schauspieler, das von dem russischen Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter und Theoretiker Wsewolod E. Meyerhold Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts entwickelt wurde. Die B. war Teil der Ausbildung an den Schauspielschulen des staatlichen Meyerhold-Theaters. Sie entstand im Bestreben, auf die gesellschaftlichen Umwälzungen der Oktoberrevolution mit der Schaffung einer grundlegend neuen, synthetischen Bühnenästhetik zu reagieren und vereint Elemente des traditionellen Theaters wie der commedia dell'arte, des russischen Jahrmarkts- theaters und diverser asiatischer Theaterformen, vor allem der Peking-Oper und des Kabuki, mit den Reform- bestrebungen des frühen 20. Jahrhunderts, wie die von Craig, Dalcroze und Appia, ferner noch gewisse Erkenntnisse der zeitgenössischen Arbeitsergonomie (Taylorismus). Auch Einflüsse der damals noch jungen (Stumm-)Filmkunst sind vorhanden. Meyerhold versuchte, sich mit seiner konstruktivistisch-materialistischen Biomechanik vor allem von der Psychotechnik seines Lehrers und Mentors Stanislawski, aber auch von den frühen Formen des Ausdruckstanzes, etwa einer Isadora Duncan, deutlich abzugrenzen, geriet aber nach zunächst großen Erfolgen in der NÖP-Zeit der 20er Jahre zunehmend unter politischen Druck, bis er schließlich als "Formalist" der Doktrin des sozialistischen Realismus unter Stalin zum Opfer fiel. Seiner Ermordung im Jahr 1940 folgte die Vernichtung seiner Forschungsarbeiten, und Meyerhold wurde zur Unperson erklärt. Erst in den 70er Jahren gab es vorsichtige Bestrebungen einer Wiederbelebung der Biomechanik unter dem ehemaligen Chefinstrukteur N. Kustow in Moskau, nachdem schon, unabhängig davon, das Living Theater sich an einer Rekonstruktion versucht hatte, welche allerdings weitgehend folgenlos blieb. Aus Kustows Klasse am Theater der Satire gingen zwei Instrukteure hervor, die seit den frühen 90er Jahren die lebendige Tradition der Biomechanik erneut einer interessierten Fachöffentlichkeit zugänglich machen, Gennadi Bogdanow und Alexander Lewinski. Vor allem in Russland, aber auch in Westeuropa, Nordamerika und Australien hat die Biomechanik seitdem eine neue Phase der praktischen Erprobung erfahren, kam jedoch bis heute über eine Nischenbedeutung kaum hinaus, was vor allem an der Schwierigkeit liegt, das komplexe Trainings- und Ausbildungssystem in eine theatrale Praxis zu überführen.
Die Biomechanik ist eine Schule der Fertigkeiten. Im Gegensatz etwa zu Grotowskis Methode zielt sie auf die umfassende Ausbildung des Darstellungs-Apparates und die Bereitstellung einer Vielzahl von Ausdrucksmitteln. Das theatralisch-biomechanische Training umfaßt im Wesentlichen ein Kompendium von Übungen zum Aufbau und zur Verbesserung der physischen Konstitution der Schauspieler sowie zur Einstudierung der Prinzipien von Bewegungsanalyse und -konstruktion. Anhand von sog. "Etüden", kanonisierten Bewegungsabläufen mit einfachen theatralen Sujets, wird eine Methode zur Erstellung komplexer physischer Handlungen trainiert. Formbewußtsein, räumliche Koordination, Körperbeherrschung, Rhythmik und Musikalität, vor allem aber auch Exzentrik und Groteske, also die Suche nach körperlichen Extremzuständen, sind wichtige Merkmale der biomechanischen Spielkultur. Biomechanisch geschulte Schauspieler beherrschen i.d.R. ein äußerst breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten und sind in der Lage, binnen kürzester Zeit die Spielregister zu wechseln, vom Expressiv-Artifiziellen über einen reduzierten Naturalismus bis hin zu Slapstick und Clownsspiel. Die verblüffende Vielseitigkeit der Biomechanik und ihre Fähigkeit, neue Einflüsse in ihr eigenes System zu integrieren, machen sie in der heutigen Situation zu einem wirkungsvollen Instrument eklektischer, postmoderner Spielweisen, die den Vorspielcharakter des Theaters ästhetisch reflektieren.