Die Physiker

PREMIERE 1. Oktober 2016
Theater Aachen


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Das Theater ist ein letztes Bollwerk des Sinnlosen und der Groteske

Die Dramaturgin Vivica Bocks im Gespräch mit dem Regisseur Christian von Treskow

VB Die Physiker ist seit der Uraufführung 1962 am Schauspielhaus Zürich nicht mehr von den Spiel- und Lehrplänen verschwunden. Was hat dich gereizt, Dürrenmatts Stück im Jahr 2016 zu inszenieren?

CvT Es ist eben nicht verschwunden, das ist das Entscheidende. Mehrere Generationen von Theatermachern haben immer wieder neue Seiten daran entdeckt. Die Physiker wurde zwar in der Hochphase des Kalten Krieges geschrieben und uraufgeführt, aber mit dem Ende des Kalten Krieges ist der Grund, das Stück zu spielen, nicht aus der Welt geschafft, nämlich eine ganz aktuelle Krise der Wissenschaftsethik. Ich musste Die Physiker in der Schule lesen, in der neunten Klasse, und ich gestehe, es damals nicht richtig verstanden zu haben. Man hat uns nur gesagt, es handle vom atomaren Wettrüsten. Was uns ebenfalls nicht näher gebracht wurde, ist, dass dieses Stück eine ganz grelle Groteske ist, – und die Form der Groteske ist etwas, was mir sehr liegt und an dem ich mich immer wieder versuche.

VB Was macht eine Groteske für dich aus?

CvT Einfach gesagt, dass aus dem scheinbar Lustigen und Heiteren plötzlich, wie es einmal jemand formulierte, „ruckweise das Grauen aufsteigt“, und dass mit diesem Grauen Scherze getrieben werden. Das gefällt mir.

VB „Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe. Uns kommt nur noch die Komödie bei“, schrieb Dürrenmatt. Was ist für dich an oder in unserer derzeitigen Welt grotesk?

CvT Alles eigentlich. Die Groteske ist die eigentlich wirklich zutreffende Beschreibung dieser Welt. Die Gleichzeitigkeit von Grauen und Lächerlichkeit. Die politischen Entwicklungen, die im Moment stattfinden, sind in diesem Sinne grotesk. Donald Trump ist gleichzeitig lächerlich und auch schrecklich gruselig, das macht ihn zu einer zutiefst grotesken Figur. Man weiß nicht, ob man lachen oder laut schreien soll. Und vielleicht wird er der nächste Präsident der Vereinigten Staaten, der mächtigste Politiker der Welt, was die Groteske noch weiter in die Höhe schraubt. Auch über solche politischen Giftzwerge wie die AfD-Spitze lachen wir, wissen aber gleichzeitig, dass sie äußerst gefährlich sind. Das sind groteske Vorgänge. Ein grotesker Zustand ist auch, dass dieses harmonische und spaßige Leben, das wir alle zu führen versuchen, dieser ganze fun, in Wirklichkeit ein Tanz am Abgrund ist.

VB Du arbeitest in deinen Inszenierungen gerne mit einer starken Körperlichkeit, die auch eine starke Form von Komik sein kann, wie zum Beispiel bei Warten auf Godot in der vergangenen Spielzeit, wo Du die Bewegungsform der Biomechanik verwendet hast. Wie kamst Du darauf, an Die Physiker mit einer so großen Spielform heran zu gehen?

CvT Es gibt Gemälde von Dürrenmatt selbst, Fresken, die er in seiner Dachmansarde in Bern an die Wände gezeichnet und gemalt hat. In Dürrenmatts Fresken habe ich eine krasse Form entdeckt, die ich im Text zuerst so gar nicht gesehen hatte. Diese Gemälde haben mich sehr an die Werke von Künstlern erinnert, die dem art brut zugerechnet werden, also Bildnerei der Geisteskranken, da findet man wilde, beunruhigende Karikaturen. Dürrenmatts Theatertext kommt immer so ein bisschen betulich daher, das liegt an dieser einfachen, beinahe lapidaren Sprache. Aber die bunte Bildwelt des Malers Dürrenmatt mit ihren fratzenhaften Gestalten hat mich inspiriert, auch für unsere Figuren eine so extreme körperliche Form zu suchen. Das hat einen anderen Zugang zum Kosmos und zum Denken des Autors ermöglicht, der nicht über den Text selber laufen kann.

VB Das Bühnenbild von Dorien Thomsen und Sandra Linde ist eine körperliche Herausforderung für die Schauspieler: Die Figuren stürzen, stolpern und rutschen über gigantische Stufen – was waren eure Gedanken zu diesem Raum?

CvT Natürlich hat man erst einmal diesen Spielort vor Augen: Eine Irrenanstalt klassischen Zuschnitts, die mit unseren heutigen Psychiatrien nicht viel zu tun hat. Man sieht Gummizellen und gepolsterte Wände mit dieser abwaschbaren Lackfarbe in diesem speziellen Grün. Die Idee war, dass man solche Bilder paart mit dem Alptraum einer Art Treppe, auf der es kein Zurück gibt. Auf dieser Treppe geht es immer nur abwärts.

VB Dürrenmatt schreibt in seinen 21 Punkten zu den Physikern: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“

CvT Ja genau. Es geht immer nur abwärts in den Szenen. Es wird immer schlimmer. Wissenschaft bedeutet zwar Fortschritt. Und Fortschritt bedeutet, dass es bergauf geht mit der Welt. Aber tatsächlich geht es immer nur bergab – zumindest ist das unser Eindruck, unsere Paranoia. Es gibt zwar enorme Fortschritte im Bereich der Medizin, der Umwelttechnik, die Kindersterblichkeit ist enorm zurückgegangen, ansteckende Krankheiten sind zum großen Teil ausgerottet. Aber wir empfinden diesen Fortschritt als einen Abgrund. Als ein Gegenteil. Die Treppe, die nach oben führt, auf der es aber nur abwärts geht, übersteigert diesen Widerspruch ins Farcenhafte. Die Himmelsleiter wird zum Höllensturz.

VB Obwohl bei uns im Stück keine Verrückten auftreten, sondern alle Verrückten nur vorgeben, sie seien verrückt, waren wir auf unserer Recherche zu Besuch in einer Psychiatrie. Was hast Du von diesem Besuch mitgenommen?

CvT Normalität. Eine große Normalität. Wenn man heute ein Stück in der Psychiatrie spielen lassen würde, müsste man dort alles viel normaler darstellen als das, was man im „wirklichen Leben“ erlebt, das ist nämlich viel verrückter. Dort geht alles seinen geregelten Gang – meistens wenigstens. Ich glaube, dass Die Physiker die tolle Möglichkeit bietet, total exzentrische Menschen darstellen zu können, ohne sich verletzend über sie lustig zu machen, denn tatsächlich sind sie ja keine echten Irren. Man kann die Last des politisch Unkorrekten gewissermaßen auf die Figuren abwälzen. Die Irrenwitze machen die Figuren des Stücks, nicht wir.

VB Die Figur der Irrenärztin Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd ist nicht einfach eine größenwahnsinnige Psychiaterin, sie kalkuliert klug, langfristig, umsichtig, aber völlig skrupellos und profitgetrieben – wofür steht diese Figur für dich?

CvT Wenn man sich dieses Kräfte-Dreieck im Stück anschaut: Die zwei Supermächte Sowjetunion und Amerika, vertreten durch Joseph Eisler, also „Einstein“ und Alec Jasper Kilton, also „Newton“ und als dritte im Bunde Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd. Sie ist die letzte Vertreterin einer alten Familie von Kapitalisten. Damit ist natürlich klar, was sie heute ist. Den alten Geldadel gibt es zwar noch immer, aber der hat nicht mehr denselben Einfluss, früher waren das die Rockefellers und Krupps, oder heute die Oetkers, Piëchs und Quants. Die alten Trusts nehmen sich aber gegenüber den heutigen multinationalen Mischkonzernen wie Kasperlefiguren aus. Heute reißt sich ein gesichtsloses Kapital die Patent- und Verwertungsrechte wissenschaftlicher Erkenntnis sofort hemmungslos unter den Nagel. Ich denke an Bayer-Monsanto oder Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé, an Energiekonzerne und vor allem IT-Firmen wie Apple, Google oder facebook, die alles, was irgendwann mal gedacht wurde und was verwertbar ist, sofort verwerten. Ausbeuten. Damit ist natürlich klar, wofür Doktor Mathilde von Zahnd heute steht.

VB Möbius fordert die Zurücknahme der wissenschaftlichen Erkenntnis, setzt sich die Narrenkappe auf und sagt „Nur im Irrenhaus sind wir noch frei. Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.“ Ist das Theater unser Irrenhaus?

CvT
Natürlich ist das Theater auch ein, Ort, an dem frei gedacht werden kann und in dem Freiräume existieren, Situationen durchzuspielen, auszuprobieren, auch Zustände zu durchleben, die es in der Welt da draußen nicht gibt oder über Dinge nachzudenken, die es vielleicht geben sollte. Wenn ich mit Menschen, etwa Nachbarn oder Freunden, spreche, die darüber berichten, in welchen Arbeitszusammenhängen sie stecken, wird erschreckend klar, welche Anforderungen an sie gestellt werden, wie die Schraube immer enger gedreht wird, und dass Raum für Kreativität, also Raum für Nutzloses, fast nicht mehr existiert. In der Schule werden Kinder fast nur noch zu funktionierenden Mitgliedern unserer Gesellschaft erzogen. Das kindliche Spiel ist am Verschwinden und das Theater ist auf seine Art ein letztes Bollwerk des Sinnlosen, des Nutzlosen, des ökonomisch nicht Verwertbaren. Und damit natürlich auch der Groteske und des Witzes. Ein Freiraum, in dem man noch über die Welt Witze machen kann, ohne dass man sofort dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Im Fernsehen scheinen diese Zeiten vorbei, jetzt wird ein Herr Böhmermann für ein dämliches Kindergedicht an den Pranger gestellt und politisch instrumentalisiert. Das ist im Theater im Moment zum Glück noch nicht so. Was nicht heißt, dass es nicht wieder einmal so werden wird. Da müssen wir verdammt aufpassen.